Der Spieltag begann eigentlich ganz normal. Heimspiel, vertrauter Spielsaal, die üblichen Routinen: Bretter aufbauen, Uhren stellen, zu spät kommen, Kaffee sichern, kurz über die anderen Ergebnisse der Liga spekulieren. Nur der Blick auf den Spielberichtsbogen erinnerte daran, dass es kein gewöhnlicher Nachmittag werden würde. Mit dem VfB Leipzig war eine der stärksten und ausgeglichensten Mannschaften der Sachsenliga zu Gast – eine Truppe, die sowohl Oberliga-Erfahrung als auch beeindruckende junge Talente mitbringt.
Wir mussten zudem auf zwei Stammkräfte verzichten: Bernd an Brett 3 und Schöni an Brett 8 standen nicht zur Verfügung. Stattdessen rückten Lucas und Stefan ins Team. Lucas erhielt Weiß an Brett 8, Stefan übernahm an Brett 7 erneut die Opferrolle mit Schwarz – inzwischen bereits zum fünften Mal in dieser Saison. Es passte zur Grundstimmung: Wir waren motiviert, wussten aber, dass wir an diesem Tag auf jedem Brett gefordert sein würden.
Die restliche Aufstellung war vertraut:
Brett 1: Krzysztof
Brett 2: Markus
Brett 3: Kevin
Brett 4: Migu
Brett 5: Frank
Brett 6: Kai
Brett 7: Stefan
Brett 8: Lucas
Auf dem Papier eine ordentliche Formation – gegen Leipzig allerdings nur dann konkurrenzfähig, wenn wir als Mannschaft konzentriert, zäh und möglichst fehlerarm auftreten.
Frühe Friedenspfeifen an den Spitzenbrettern
Der Mannschaftskampf nahm schachlich eher leise Fahrt auf. An Brett 2 saß ich mit Weiß am Brett und wurde schon früh in eine Variante geleitet, die im Grunde auf ein Remis hinauslief.
Nach nur 13 Zügen stand schon eine Zugwiederholung auf dem Brett. Aus Sicht eines Mannschaftsführers mag ein halber Punkt in Ordnung sein – aus Sicht eines Weißspielers fühlt sich ein so frühes Remis eher wie eine verpasste Gelegenheit an. Genau in diesem Spannungsfeld blieb das Ergebnis hängen: solide, aber unbefriedigend.
An Brett 1 war die Situation schachlich ähnlich ruhig, aber psychologisch ganz anders zu bewerten. Krzystof verteidigte sich mit Schwarz sehr konzentriert, erreichte recht früh eine vollständige Ausgleichsstellung und nahm nach 14 Zügen ein sicheres Remis mit. Gegen einen starken Leipziger Spieler, dazu noch mit den schwarzen Steinen, ist das ein Ergebnis, mit dem man durchaus zufrieden sein kann. Aus Mannschaftssicht neutralisierten sich die beiden Resultate: ein „zu kurzes“ Remis mit Weiß, ein „sehr ordentliches“ Remis mit Schwarz – in Summe 1:1 und noch alles offen.
Erste Risse im Fundament
Im Mannschaftskampf spürt man oft, noch bevor die Ergebnisse offiziell feststehen, wohin die Tendenz geht. Ein Blick in die Gesichter reicht manchmal. An Brett 5 und 6 begann dieser Blick problematischer zu werden.
Frank erwischte an Brett 5 keinen guten Tag. Er geriet früh in eine Stellung, in der er dauernd kleinere Probleme lösen musste und nie wirklich zu seinem Spiel fand. Der Leipziger Gegner nutzte das Schritt für Schritt aus, verstärkte den Druck und ließ Frank immer weniger Luft zum Atmen. Am Ende kam ein ekliger Fehler und die erste Niederlage des Tages.
Kai an Brett 6 fand sich ebenfalls in einer unangenehmen Stellung wieder. Kevin hatte ihn vor der Partie gewarnt, dass sein Gegner jeden Bauern nimmt, der ihm angeboten wird. Er hatte allerdings den Hinweis vergessen, dass das auch für ganze Türme gilt.
Stefan an Brett 7 hielt sich dafür umso tapferer. Er geriet zwar unter Druck, fand aber immer wieder Ressourcen, die Stellung zusammenzuhalten. Sein Gegner ließ eine günstige Gelegenheit aus und die Partie verflachte schließlich ins Remis.
Ein Wolf im Gebüsch und die Launen der Zeitnot
Während unsere Stellungen schwankten, blieb die Atmosphäre im Spielsaal äußerlich ruhig. Innerlich sah das vermutlich bei keinem von uns so aus. In der Zeitnotphase rund um den 40. Zug kulminieren im Mannschaftskampf häufig alle Emotionen gleichzeitig: Hoffnung, Nervosität, leichte Panik, gepaart mit der nüchternen Erkenntnis, dass die Uhr gnadenlos weiterläuft.
Irgendwo zwischen Zug 30 und 35 kam es dann zu einer Szene, die man eher bei einem Kinderfest als in der Sachsenliga erwarten würde. Draußen vor dem Fenster raschelte es im Gebüsch, und mehrere Spieler – beider Mannschaften – warfen gleichzeitig einen irritierten Blick nach draußen. Für einen kurzen Moment ging das Gerücht durch den Raum, dort sei ein Wolf gesichtet worden. Wahrscheinlicher war es ein sehr selbstbewusster Hund oder eine Katze mit übersteigertem Geltungsdrang, aber für ein paar Sekunden lag ein Hauch von Märchenwald über dem Spielsaal.
Ob der vermeintliche Wolf konkrete Auswirkungen auf die Qualität der Züge hatte, lässt sich schwer nachweisen. Aber zumindest einige irritierte Blicke, leicht verzögerte Züge und ein paar nervöse Schmunzler gehen sicher auf sein Konto. Der Rest des Kampfes blieb dann jedoch sehr irdisch – die eigentlichen Dramen spielten sich weiterhin auf den 64 Feldern ab.
Besonders tragisch verlief die Partie von Lucas an Brett 8. Er hatte zwischenzeitlich eine Stellung erreicht, in der durchaus etwas für ihn zu holen schien. Aktivere Figuren, brauchbare Ideen – es sah nicht schlecht aus. Doch die Uhr wurde zum entscheidenden Gegner. Mit schwindender Bedenkzeit stieg die Fehleranfälligkeit. Aus einer ordentlichen Stellung wurde nach und nach eine prekäre, bis schließlich der entscheidende Fehler passierte und die Position in sich zusammenfiel. Die Aufgabe zur Zeitkontrolle herum war die logische Folge, aber sie tat weh – sowohl für Lukas als auch für den Mannschaftskampf insgesamt.

Eine kleine Aufgabe: Schwarz ist am Zug und wollte eigentlich erst einmal nur die Züge mit Sg1+ wiederholen ... mit etwa 9 Sekunden auf der Uhr verzog er plötzlich überrascht das Gesicht: Welchen Gewinnzug hat er auf einmal gesehen?
Kevin, die Vernunft und der Ehrenpunkt
Zu diesem Zeitpunkt war die Lage bereits kritisch. Wir lagen spürbar zurück, und es stellte sich die Frage, ob an den verbleibenden Brettern noch genug Potenzial für eine spektakuläre Aufholjagd vorhanden war oder ob Schadensbegrenzung das sinnvollere Ziel sein würde.
Kevin an Brett 3 hatte mit Schwarz eine Partie gespielt, die man in Lehrbüchern als beispielhafte „solide Verteidigung ohne Übertreibung“ präsentieren könnte. Er stand nie wirklich schlecht, aber eben auch nie klar besser. Es war ein kontrollierter Balanceakt, eine Stellung, die eher nach Remis roch als nach Sieg oder Niederlage. Solche Partien werden oft durch äußere Faktoren entschieden: Zwischenstand im Mannschaftskampf, Tagesform, Risikobereitschaft.
Als sich abzeichnete, dass der Mannschaftskampf insgesamt verloren gehen würde – wir lagen bereits deutlich zurück – entschied sich Kevin, das naheliegende Remis zu akzeptieren. Aus schachlicher Sicht war diese Entscheidung vollkommen vernünftig. In einer ausgeglichenen Stellung auf Biegen und Brechen weiterspielen zu wollen, nur um einem verlorenen Mannschaftskampf hinterherzulaufen, wäre kaum zu rechtfertigen gewesen. So steuerte er einen stabilen halben Punkt bei und unterstrich einmal mehr, dass man auch mit Schwarz gegen starke Gegner solide und zuverlässig punkten kann.
Bleiben wir bei den positiven Aspekten: Migu an Brett 4 sorgte für das schachliche Highlight aus unserer Sicht. In einer komplexen Stellung gelang es ihm, den gegnerischen König in taktische Schwierigkeiten zu verwickeln. Aus einem scheinbar harmlosen Mittelspiel entstand plötzlich ein Feuerwerk aus Drohungen, Zwischenschachs und versteckten Motiven. Irgendwo in diesem Geflecht schätzte sein Gegner eine Kombination falsch ein, und Migu nutzte die Gelegenheit eiskalt: Am Ende verabschiedete sich ein gegnerischer Turm vom Brett, während nur eine Leichtfigur als Kompensation übrigblieb.

Mir gefiel das Angriffsschach von Migu hier sehr. Der hängende e-Bauer war ihm egal. Er spielte 28. f5! Dxe4 29. fxg6 hxg6? -- und dann war plötzlich die Qualität weg.

Mit 30. Sc7 sind sowohl f7 als auch a8 angegriffen.
Natürlich war die Partie damit noch nicht automatisch gewonnen. Mit Turm gegen Leichtfigur kann man vieles richtig, aber auch einiges falsch machen. Es folgte ein längerer technischer Abschnitt, in dem Migu sehr konzentriert blieb, die Stellung Schritt für Schritt vereinfachte und schließlich in ein klar gewonnenes Endspiel überleitete. Nach viel Hin und Her, mehreren genauen Zügen und einem letzten Verteidigungsversuch seines Gegners war der Punkt schließlich sicher. Dieser Sieg war unser Ehrenpunkt – im besten Sinne des Wortes: sauber herausgespielt, kämpferisch und schachlich überzeugend.
Endstand, Einordnung und Ausblick
Am Ende stand ein 3:5 aus unserer Sicht. Mit den halben Punkten von Krzysztof, Markus, Kevin, Stefan und dem vollen Punkt von Migu kamen wir auf drei Zähler, während Leipzig auf fünf Punkte kam und den Mannschaftskampf für sich entschied. Das Ergebnis spiegelt den Gesamteindruck recht gut wider: Wir waren nicht chancenlos, aber Leipzig war über den gesamten Vormittag hinweg die stabilere Mannschaft.
Die Leipziger spielten ihre Erfahrung und ihre Breite im Kader aus. Sie ließen sich von keinen äußeren Einflüssen – weder Zeitnotpanik noch angeblichen Wölfen im Gebüsch – aus der Ruhe bringen, nutzten unsere Patzer konsequent und hatten an mehreren Brettern die bessere Kontrolle über kritische Momente. Gemessen an den Stellungen und an der Fehlerquote geht der Sieg vollkommen in Ordnung.
Wir gratulieren dem VfB Leipzig herzlich zu diesem Erfolg und wünschen ihnen viel Erfolg im weiteren Kampf um die Spitzenplätze der Sachsenliga. Die Mannschaft ist stark, jung, ausgeglichen und definitiv ein Kandidat für ganz oben.
Für uns selbst bleibt festzuhalten: Wir spielen weiterhin gegen den Abstieg und wissen, dass in dieser Liga jeder halbe Punkt zählt. Trotz dieser Niederlage stehen die Chancen gut, die Klasse zu halten, wenn wir in den kommenden Runden unsere Fehlerquote senken und mehr aus den guten Stellungen machen, die wir uns erarbeiten. Der Spieltag war ein Rückschlag, aber keiner, der uns das Rückgrat bricht.
Am Ende bleibt die Erinnerung an einen intensiven Mannschaftskampf mit starken Gegnern, lehrreichen Partien, einem sehenswerten Sieg an Brett 4 – und einer kurzen Episode, in der halb Zwickau glaubte, ein Wolf hätte sich für Schach interessiert. Wenn man schon verliert, dann immerhin mit einer Geschichte, die man über Generationen hinweg noch erzählen kann.
Die beiden Bezirksklassen-Teams auch voll im "Soll"
Auch für unsere anderen beiden Teams ging es zu Jahresbeginn um ordentliche Ergebnisse für die Saisonzielstellungen. Und in der 1.Bezirksklasse geschahen für unsere 2.Mannschaft sehr positive Dinge. Unsere schärfsten Aufstiegsgegner aus Waldkirchen leisteten sich einen Patzer beim VSC und wir selbst fertigten unseren Gegner aus dem Tabellenkeller Raschau souverän mit 6:2 ab. Sehr erfreulich war dabei, dass wir uns keine Verlustpartie leisteten und bei 4 Siegen von Bert, Volker, Tilo und Burghard vier Partien remisierten. Damit sind wir zurück an der Tabellenspitze und erster Aufstiegskandidat, wenn man dem LigaOrakel glauben darf.
Auf unsere 3.Mannschaft in der 2.Bezirksklasse wartete zum Jahresbeginn mit dem SC Sachsenring ein ziemlich schwerer Brocken, doch sie schlug sich sehr wacker. Nominell sollten wir eigentlich nicht wirklich eine Chance auf Punkte haben, doch wie das eben immer so läuft. Leider gerieten wir zwar leider früh in Rückstand, als Paul seine Stellung nicht mehr halten konnte. Doch mehr ließen wir erstmal nicht zu. Es folgten das sehr ordentliche Remis von Theodor und die erwarteten Remisen von Mario und Jens. Leider fand Lutz im Mittelspiel nicht die Gewinnfortsetzung und auch nur remis, das könnte weh tun. Blieben noch drei laufende Partien, wobei Björn auf Gewinn stand, Roland kritisch und Leon ausgeglichen. Da ging noch was. An Brett 8 geschahen dann leider wundersame Dinge. Unser Leon war freundlicherweise kurzfristig zu seinem allerersten Punktspiel eingesprungen und schlug sich achtbar. In ausgeglichener Stellung unterlief ihm leider ein Dameneinsteller (das ist allen schon passiert am Anfang) und wurde anschließend Matt gesetzt. Doch die Kuriosität kommt erst noch. Sein Gegner hatte die Zeitkontrolle nicht geschafft, keiner hatte es bemerkt (Leon kannte die exakten Regeln noch nicht) und als es bemerkt wurde, ging "Matt" leider vor "Blättchenfall" - sehr schade. Björn konnte anschließend zwar noch verkürzen und Roland seinen Laden zum Remis zusammenhalten. Doch so stand am Ende eine 3,5:4,5 Niederlage, wobei wir uns sehr ordentlich aus der Affäre gezogen haben und das Ergebnis auch hätte andersrum ausgehen können.